Der Edle Achtfache Pfad

Praktisch hat die ganze Lehre des Buddha, der er sich 45 Jahre gewidmet hat, in irgendeiner Weise mit dem achtfachen Pfad zu tun. Er stellt eine praktische Wegweisung zur vollständigen Leidensaufhebung – dem Nirvana – dar, wenn alle nachfolgenden acht Elemente erfolgreich von einem oder einer selbst gemeistert werden:

  1. Rechtes Verständnis

  2. Rechtes Denken

  3. Rechte Rede

  4. Rechte Handlung

  5. Rechter Lebenserwerb

  6. Rechte Anstrengung

  7. Rechte Achtsamkeit

  8. Rechte Konzentration

Der Edle Achtfache Pfad ist der Weg Buddhas. Er nannte ihn den ‚Mittleren Weg’. Das Gleichgewicht zwischen übertriebener Askese auf der einen Seite und Zufriedenheit mit unseren Wünschen, Täuschungen, Anhaftungen und Freuden auf der anderen Seite.

Von diesem Weg sagte Buddha, dass er ihn nicht gefunden, sondern wiederentdeckt habe, so wie man eine alte Straße in einem Wald wiederentdeckt, die von der Vegetation zugewachsen ist. Dieser alte Weg ist von allen Buddhas gegangen worden, und wir müssen ihn selbst wiederentdecken, das heißt, die Unterweisung nicht wie ein Dogma empfangen, wie etwas, das man glaubt, sondern etwas, das man selbst erfährt.

Auf diesem achtfachen Pfad gibt es acht Wege, acht Verzweigungen, die alle voneinander abhängig sind. Es sind keine Wege, die man nacheinander praktiziert, sondern man praktiziert sie zusammen. Sie sind alle Aspekte und Ausdrucksformen der Zazen-Praxis, sie sind alle in der Zazen-Praxis enthalten. Deshalb muss man sich in dem Augenblick, in dem man Zazen praktiziert, nicht mit dem Achtfachen Pfad beschäftigen. Jedoch ist der achtfache Pfad sehr nützlich für die Beziehungen zwischen Zazen und unserem Alltag.

In einer anderen, kompakteren Form wird der Weg auch dreigliederig dargestellt:

  1. Weisheit: Hierunter fallen Rechtes Verständnis sowie Rechtes Denken.
    Das ist die Dimension von Weisheit und Mitgefühl, die immer zusammengehören.

  2. Ethik (Verhalten, Karma): Hierunter fallen Rechte Rede, Rechte Handlung sowie Rechter Lebens­erwerb.

  3. Sammlung/Meditaion: Hierunter fallen Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit sowie Rechte Konzentration.

Es handelt sich um das Bemühen, die Energie, die man in die Praxis legt; die Achtsamkeit nicht nur in Zazen, sondern auch im Alltag; und die Konzentration. Konzentration nennt man auf Sanskrit Dhyana, das wurde in China zu Ch’an und schließlich in Japan zu Zen. Die Schule Bodhidharmas, die Schule des Zen in China, war die Schule derjenigen, die Zazen praktizieren, die sitzende Konzentration. Diese ist nicht einfach der achte Aspekt des Achtfachen Pfades, sondern zugleich seine Quelle, sein Ursprung.

 

Hier nun einige kurze Erläuterungen zu den einzelnen Aspekten des Achtfachen Pfades:

1. Rechtes Verständnis

Es geht nicht um ein intellektuelles oder analytisches Verständnis, sondern um intuitives, tiefes Verstehen. Man sagt oft, es handele sich um das Verständnis der Wirklichkeit so, wie sie ist. Es geht nicht um das Verstehen eines philosophischen Systems, sondern darum, das eigene Leben zu verstehen. Das Verstehen Buddhas war das Verstehen der Vier Edlen Wahrheiten. Dieses Verständnis müssen wir in unserem eigenen Leben realisieren.

2. Rechtes Denken

In Zazen verweilt der Geist auf nichts. Er verfolgt die Gedanken nicht und verwirft sie nicht. So schafft das Denken in Zazen keine Trennung. Das nennt man das rechte Denken. Das Denken im Zazen schafft keinen Gegensatz zwischen sich und den anderen. Auch wenn man gegenüber der Wand sitzend allein mit sich ist, praktiziert man in Wirklichkeit mit den anderen, mit allen Wesen. Das, was man auf dem Weg Buddhas das rechte Denken nennt, ist eine völlige Öffnung den anderen gegenüber, die den Ausdruck einer bedingungslosen Liebe ermöglicht, die nicht davon abhängt, was die anderen uns geben. Dies ist eine Liebe, die sich nicht in Hass, Feindseligkeit und Eifersucht umwandelt; das wahre Mitgefühl. Mitgefühl bedeutet den Schmerz der anderen zu spüren und zu teilen, Sympathie zu haben für die anderen. In der Liebe gibt es auch das Teilen des Glücks, der Freude, der Befreiung.

3. Rechte Rede

Während Zazen kehrt man zum Schweigen zurück. Kein falsches Wort kann gesagt werden. Falsche Aussagen sind Aussagen, die Täuschungen entspringen. Sie schaffen schlechtes Karma. Eine richtige Aussage ist eine Aussage, die das Dharma zum Ausdruck bringt, die die rechte Sicht der Existenz ausdrückt. Sie wird Quelle guten Karmas, guten Einflusses. Aus Sicht der Unterweisung Buddhas besteht rechte Rede darin, Abstand zu nehmen von Unwahrheiten, darin, die anderen und sich selbst nicht zu belügen und auch davon Abstand zu nehmen, Schlechtes über andere zu sagen. Man muß nicht nur Acht geben auf das, was man sagt, sondern auch, wie man es sagt. Schließlich geht es auch darum, Geschwätz zu vermeiden, überflüssiges Gerede. In Frankreich gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass man zuerst seine Zunge achtmal im Munde drehen soll, d.h. dass man sein Motiv betrachten sollte, bevor man etwas sagt. Wenn das Motiv schlecht ist, ist es besser zu schweigen.

4. Rechte Handlung

Die Geisteshaltung von Zazen beinhaltet, seine Gedanken nicht mehr zu nähren. Man ist nicht mehr Gefangener seiner Gedanken. Frei in seinen Gedanken zu sein bedeutet, weder irgendetwas zu ergreifen, noch irgendetwas zurückweisen zu wollen.

Diese Freiheit wird Basis des rechten Handelns im Alltag. Es bedeutet, nicht aus Gier heraus zu handeln, nicht zu handeln, weil man selbst etwas erhalten möchte, und auch nicht aus Feindschaft und Hass heraus anderen gegenüber. Wenn man Zazen nicht auf die sitzende Haltung begrenzt, sondern wenn Zazen unser ganzes Leben umfasst, wird unser ganzes Leben vom Buddha-Geist erhellt, der nach und nach den Platz unserer egoistischen Sichtweise einnimmt. Mit dem Buddha-Geist sehen, bedeutet die Unbeständigkeit zu sehen, die Umwandlung aller Dinge in jedem Augenblick. Sehen, dass man nichts besitzen kann. Wenn man so sieht, nimmt unsere Gier ab und der Geist des Fuse, der Gabe, des Teilens entwickelt sich, manifestiert sich in der Praxis mit den anderen, dem Teilen seiner Zeit, seiner Energie mit den anderen.

Wie Buddha sehen bedeutet, die wechselseitige Abhängigkeit aller Existenzen zu sehen. Wenn man sie tief spürt, ist es nicht mehr möglich, Leiden um sich herum zu schaffen. Denn das heißt, sich selbst Leid zuzufügen. Statt dessen entwickelt sich eine wohlwollende Haltung allen Wesen gegenüber. Man wird aufmerksam auf das Wohlbefinden der anderen, so als handele es sich um die eigenen Kinder. Man fühlt sich von niemandem getrennt.

5. Rechter Lebenserwerb

Der rechte Lebenserwerb ermöglicht uns den Erhalt unseres Körpers, mit dem wir praktizieren. Er lässt uns genug Zeit, um zu praktizieren und lässt sich mit dem edlen Achtfachen Pfad und den Geboten in Einklang bringen.

6. Rechte Anstrengung

Um den Weg des Zen zu praktizieren, braucht man viel Energie. Zu Beginn des Zazen braucht man viel Energie, um die rechte Haltung einzunehmen. Besonders für Anfänger ist das nicht einfach. Aber wenn man diese Anstrengung nicht unternimmt, kann die rechte Haltung nicht existieren. Wenn man keine Anstrengung unternehmen will, ist es sehr schwierig, sich zu ändern. Man bleibt Sklave seiner Gewohnheiten, die immer stärker werden und uns unsere Freiheit rauben.

7. Rechte Achtsamkeit

Wenn man die Anstrengung unternommen hat, die Zazen-Haltung einzunehmen, ist es wichtig, die Achtsamkeit zu entwickeln, seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was hier und jetzt geschieht, sich dessen bewusst zu werden, was passiert. Das nannte Meister Deshimaru die Praxis der Beobachtung, seinen Körper zu beobachten, seine Spannungen zu beobachten und sie loszulassen, seine Atmung zu beobachten, die Ausatmung zu vertiefen und sich seiner Empfindungen und Gefühle bewusst zu werden, zu beobachten, wie sie erscheinen und verschwinden. Und die Aktivität unseres Geistes zu beobachten, beobachten, wie er versucht zu ergreifen, wie er die Tendenz hat zu verwerfen. Wie er sich ständig zwischen Nehmen und Ablehnen bewegt, und auch, wie er sich von unseren Illusionen ausnutzen und täuschen lässt. Wie er die Tendenz hat, zerstreut zu sein, und wie er ständig dem Hier und Jetzt entflieht. Letztlich beobachten wir unsere Gedanken, unsere Konzeptionen, alle Begriffe, die wir über Dinge, Lebewesen, uns selbst, über die Praxis bilden und wie wir immer wieder versuchen, die Wahrheit in unsere geistigen Konstrukte einzuschließen.

Bezüglich der rechten Aufmerksamkeit sagt Meister Dogen: „Sie produziert keine Weisheit, sie selbst ist Weisheit.“ Der wichtige Aspekt der Weisheit ist, sich dessen bewusst zu sein, was hier und jetzt geschieht, der tiefen Natur der Phänomene, und zu sehen, dass sie letztlich keine Substanz haben, nichts Festes, nichts Beständiges. Der Zustand unseres Körpers, unsere Empfindungen, unsere Gedanken, unsere Umwelt sind nie getrennt. Ihre wechselseitige Abhängigkeit zu beobachten, ist, die Leerheit zu beobachten. Dies ist nicht das Nichts, sondern die tiefe Natur der Existenz. Um sich damit zu harmonisieren, um es wirklich zu verstehen, reicht es nicht, nur zu beobachten. Hier ist der achte Aspekt des Achtfachen Pfades wichtig, denn wirklich zu verstehen, heißt zu praktizieren.

8. Rechte Konzentration

Wirklich die Unbeständigkeit, die Leerheit zu verstehen, bedeutet, einen Geist zu verwirklichen, der auf nichts verweilt, einen Geist ohne Fixierungen. Dies ist ein Geist, der alle Zustände durchdringt, ohne irgendwo zu verweilen. Das bedeutet das Wort Zen. Es ist der achte Aspekt des Achtfachen Pfades.

Was hat der Edle Achtfache Pfad und insbesondere die Zen-Meditation mit unserem Alltag zu tun?

Ein weiteres wichtiges Element für ein ökologisches Potential des Buddhismus liegt in seinem weit entwickelten Instrument der Meditation. Sie beinhaltet immer die Komponenten der konzentrierten, geistigen Ausrichtung und der inneren Ruhe und Gelassenheit. Jeder, der einmal ernsthaft versucht hat zu meditieren, wird erfahren haben, wie sprunghaft und verworren seine Gedanken und Emotionen waren. Die Meditation bietet gegenüber dem normalen Wachbewusstsein quasi einen geschützten Übungsraum, um den eigenen Geist, die eigenen Gedanken und Emotionen zu beobachten, zu analysieren oder in einer bestimmten Richtung zu üben. Mit fortschreitender Übung lernt der Meditierende, sich seines Egos, seiner normalen Gedanken und Denkmuster, in jedem Augenblick der Meditation bewusst zu werden und diese Stück für Stück loszulassen. Das ermöglicht es ihm, Situationen objektiver, losgelöster, in der Übung der geistigen Sammlung betrachten zu können. Oder er verstärkt die Achtsamkeit auf den momentanen Augenblick, ohne unablässig von Gedanken und Emotionen blockiert und abgelenkt zu werden.

Was kann dies aber für unser Lebensumfeld bewirken? Zum einen hilft die Meditation dem Einzelnen, sich durch innere Beobachtung seiner Gedanken und Gefühle bewusst zu werden; klar zu werden, in welchen Zusammenhängen und in welcher Form sie auftreten. Letztendlich führt dies zu einem Verständnis für die Ursachen und Mechanismen eigenen Handelns. Diese Bewusstheit ist wiederum Grundlage für tiefgreifende Veränderungen, die zu einer gewissen ‘Entscheidungsfreiheit’ gegenüber dem eigenen Ego und gelernten Mechanismen führen. Unerfreuliche Denk- und Verhaltensmuster können schrittweise überwunden werden. Dies fördert sowohl die Fähigkeit zur Veränderung als auch die empfundene Lebensqualität. Wenn das Instrument der Meditation Teil einer spirituellen Schulung ist, d.h. fortlaufend aufeinander aufbauend, von einem Lehrer begleitet und individuell auf den Schüler abgestimmt geübt wird, dann kann sie sogar helfen, den eigenen Denkrahmen, die blinden Flecken in der Wahrnehmung, wahrzunehmen und an ihnen zu arbeiten. Dabei können auch Vorgänge aufgedeckt werden, die normaler­weise unterhalb der Bewusstheitsebene ablaufen. Der Übende lernt dabei seine eigenen Grenzen, seine Ängste, Bedürfnisse und Handlungsmotive genauer kennen und erfährt gleichzeitig, dass er mit ihnen in behutsamen, kleinen, verkraftbaren Schritten arbeiten kann, sie verändern kann. Er erwirbt sich nicht nur Wissen um Art und Umfang seiner geistig-seelischen Barrieren, sondern aus eigener Erfahrung das Wissen, dass diese Barrieren veränderbar sind und vor allem auch eine gewisse Übung in dieser Art der Arbeit an sich selbst.

Um in dieser Weise an sich selbst arbeiten zu können, ist es vor allen Dingen wichtig, in einer Gruppe, einer Gemeinschaft, der sogenannten Sangha zu praktizieren. Denn die anderen sind immer ein wunderbarer Spiegel. Jede positive, liebenswürdige, großzügige Handlung, aber auch jede Form von Egoismus, Arroganz oder Unfreundlichkeit werden sofort reflektiert. Und die Sangha bietet einen, im Vergleich z.B. zum Arbeitsleben, „geschützten“ Rahmen für Übung und Veränderung.

Und da wir alle noch lange nicht vollkommen sind, hat Buddha uns in Form von Geboten Hilfen mit auf den Weg gegeben, an denen wir uns immer wieder orientieren können. Diese Gebote sind allerdings nicht wie im Christentum formuliert mit „Du darfst nicht…“. Sondern sie beschreiben einfach die Handlungen, die es zu vermeiden gilt, wenn man kein Leid erzeugen will. Es gibt keine Instanz, die unsere Handlungen kontrolliert und uns bestraft. Wir müssen allerdings in jedem Fall die Konsequenzen unserer Handlungen tragen, die Früchte unseres Karma (dem Gesetz von Ursache und Wirkung) ernten, seien sie süß oder bitter….