Kusen / Texte

Es geht um dich

Vera Thöne am 08.01.2023

Zu Beginn eines neuen Jahres neigen die Menschen dazu, innezuhalten, auf das alte Jahr zurückzublicken und sich zu fragen, was das Neue wohl bringen mag. Manchmal blicken wir freudig auf schöne Erlebnisse zurück, manchmal mit Bedauern auf verpasste persönliche Chancen oder den Verlust von uns nahestehenden Menschen. Manchmal ist auch beides miteinander verknüpft.

Wir alle hier wandeln nun schon einige Jahrzehnte durch unsere Leben. Aber haben WIR unser Leben WIRKLICH gelebt? Oder sind wir Ideen, Vorstellungen und Glaubenssätzen hinterhergelaufen, die nicht unsere eigenen waren und von außen gekommen sind? Haben wir vielleicht in Teilen das Leben anderer Menschen, die uns in irgendeiner Weise beeinflusst haben, gelebt? Haben wir auf unsere innere Stimme gehört? Woher kommt das Bedauern, das wir im Rückblick auf unser Leben manchmal empfinden? Sind wir manchmal zu verkopft? Füllen wir die Stille, die nötig ist, um in uns hineinzuhören, vielleicht mit ablenkendem Aktivismus oder Radio, Fernsehen, Informationskonsum?
Wem oder was jagen wir hinterher?

In Norwegen wird wohl auf runden Geburtstagen älterer Menschen häufig dieses Zitat benutzt:

„All die Tage, die kamen und gingen, wusste ich nicht, dass sie das Leben waren.“

Dieser Satz hat mich sehr berührt und an einen Spruch von Meister Kodo Sawaki, dem Lehrer von Meister Deshimaru, erinnert:

„He, was glotzt Du so?
Siehst Du nicht, es geht um Dich!?“

Ich vermute, dass diejenigen, die sich dem Zen-Weg zuwenden, diese Dringlichkeit schon jetzt spüren. Die Dringlichkeit, sich auf das Zafu zu setzen und einfach innezuhalten. Um dann dem Lärm im eigenen Kopf zu begegnen, unbeweglich zu bleiben und nicht vor ihm wegzulaufen. Sondern sitzen zu bleiben wir ein Fels in der Brandung. Sich einfach auf die Haltung und die Atmung zu konzentrieren und vielleicht, als Frucht und Geschenk von Zazen, einen Moment der Unbegrenztheit und Ewigkeit zu erleben.

Wozu also den ganzen Tag rennen? Wir können diese Achtsamkeit auch mit in den Alltag nehmen und alles, was wir tun, mit Konzentration und Aufmerksamkeit tun. Wenn möglich, Ablenkungen durch „Multitasking“ zu vermeiden. Es ist längst erwiesen, dass Menschen dazu gar nicht wirklich in der Lage sind. Ständige Ablenkungen bei einer Tätigkeit erschöpfen uns nur.

Ablenkung bedeutet, von uns selbst weggezogen zu werden. Wenn wir nicht den Weg gehen, den wir uns vorgenommen haben. Das kann durchaus bedeuten, das eigene Leben massiv zu vereinfachen und sich zu fragen, was wirklich wichtig ist.

Im Zen wird ja immer davon gesprochen, seine alten Konditionierungen, d.h. Gewohnheiten, aber auch Glaubenssätze und vermeintliche Gewissheiten und Wahrheiten, zu überprüfen und loszulassen.

Das Problem der Ablenkung haben Menschen nicht erst, seitdem das Internet und Smartphones erfunden wurden. Der Stoiker Seneca sagte schon vor 2000 Jahren:

„Das Leben ist lang genug, wenn es nur gut angewendet wird.“

Er war davon überzeugt, dass alle Menschen existieren, aber nur die wenigsten leben. Das Leben ist lang. Wir haben genug Zeit. Wenn wir jeden Augenblick ganz leben, verpassen wir nichts und müssen nichts bedauern.

Eine wunderbare Übung, die Zazenpraxis mit dem Alltag zu verknüpfen, ist ein Sesshin. Das nächste findet in drei Wochen auf der Grube Louise statt.